Schleswig-Holstein

Sanitätsdienst im Holstein Stadion

Ehrenamt am Spielfeldrand

Obwohl es im jüngsten Heimspiel eine empfindliche 1:3-Niederlage gegen Aufstiegskonkurrent Nürnberg setzte, hält das Hoch von Holstein unvermindert an. Ganz ohne Jubel der Fans verlangt der sportliche Höhenflug der Kieler Zweitligakicker auch den Helfern am Rande des Spielfelds große Leistungen ab. Heimspiel für Heimspiel sind im Stadion unter Regie des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Kiel Dutzende ehrenamtliche Sanitäter fürs Wohlergehen von Fans wie Spielern im Einsatz. Die Personaldecke wird angesichts der fast ständig ausverkauften Arena teilweise schon dünn.

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Volker Iwan (links) und Dennis Jacobsen leisten fast immer Dienst im oder am Stadion. Entspannt beim Spiel zuschauen wie zu Regionalliga-Zeiten können sie heutzutage allerdings nicht mehr. Foto: Martin Geist

Keine Viertelstunde ist gespielt im Holstein-Stadion, da steht es schon 1:1 gegen den Club. Derlei Spektakel ist zwar allemal unterhaltsam, zehrt aber offensichtlich auch an der Substanz mancher eingefleischten KSV-Anhänger.„Mann mit Kreislaufproblemen im VIP-Bereich“, tönt es aus dem Funkgerät im Container der Leitstelle. Gruppenleiterin Julia Gronwald und Abschnittsleiter Steve Petrik schauen sich und den Bildschirm ihres Rechners an, erkennen wo die nächsten Sanitäter stehen und schicken sie los. Gleich darauf ist das Helfer-Duo vor Ort. Die mitgebrachte Trage wird zwar nicht gebraucht, doch der schwächelnde Fan wird zur Sicherheit in den Sanitätsstützpunkt in der Turnhalle neben dem Stadion gebracht.

Genauso soll es laufen im Falle eines Falles. Und deren gibt es zahlreiche. Bis in den bitterkalten Vorfrühling hinein hatten es die Sanis immer wieder mit Unterkühlungen zu tun, oft von Kindern, deren Eltern sie in teils schon fahrlässig leichte Kleidung gesteckt hatten. Überhaupt ist es mit der Vernunft beim Fußballgucken nicht immer sehr weit her, erzählt Arne Krüger, der für Notfallvorsorge zuständige Fachbereichsleiter beim Kieler Regionalverband des ASB. Im Sommer gibt es nach seinen Worten immer wieder Kreislaufzusammenbrüche, weil Fans zu wenig oder das Falsche, nämlich Alkohol trinken. Ganzjährig Routine sind derweil Schnittverletzungen und andere Blessuren, und in seltenen Fällen geht es sogar um Leben und Tod. „Wir haben es auch mit Schlaganfällen und Herzinfarkten zu tun“, berichtet Arne Krüger, der das auf einen grundsätzlichen statistischen Effekt zurückführt: „Wo viele Menschen zusammen sind, passiert so etwas einfach mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit.“

Ebenfalls mit Wahrscheinlichkeiten kalkuliert wird, was die personelle Stärke des Sanitätsdienstes betrifft. 40 Sanitäterinnen und Sanitäter waren beim mit knapp 12000 Zuschauern ausverkauften Nürnberg-Gipfeltreffen dabei, wird eine Begegnung von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) allerdings als Risikospiel eingestuft, sind sogar 50 gefordert. „Brisant wird es leider oft, wenn Mannschaften aus Ostdeutschland kommen“, bedauert Abschnittsleiter Petrik und betont zugleich, dass sein Team so gut wie nie wegen der Folgen von Randale einschreiten muss. „Polizei und Sicherheitsdienst machen da echt einen super Job“, lobt er die anderen Helfer im Hintergrund.

Kooperation ist auch sonst unentbehrlich beim Dienst am Fan. Unter den Sanitätern wirkt stets nur ein Hauptamtlicher wie Steve Petrik, das restliche Team besteht komplett aus Ehrenamtlichen. Selbst der ASB, mit seiner etwa 60 Aktive zählenden Sanitäter-Abteilung, gelangt bei den aufwendigen Holstein-Einsätzen an seine Grenzen. Zumal es von Spielen der THW-Handballer bis zu Konzerten in der Sparkassen-Arena auch sonst jede Menge Großveranstaltungen mit entsprechendem Personalbedarf gibt. Im Stadion verstärken deshalb regelmäßig Freiwillige des Deutschen Roten Kreuzes, der Malteser und der Johanniter Unfallhilfe den ASB.

„Das läuft richtig gut“, meint der Malteser Paul Hirnstein, der sich nicht gerade als besonderer Fußball-Fan bezeichnet. Besonders nicht, seit er vor einer Zeit beim Spiel gegen Union Berlin fünf Stunden im Dauerregen stehen musste. „An mir war gar nichts mehr trocken“, berichtet er von den Leiden eines Ehrenamtlers.

Andersherum wirkt Holstein Kiel durchaus als Magnet für die Freiwilligen, weiß Fachbereichsleiter Krüger. „Attraktiver Fußball weckt natürlich ganz viel Motivation“, betont er. Zudem zeitigen die Großeinsätze bei Holstein weitere positive Effekte. Alle 14 Tage bekommen die Kräfte der Sicherheits- und Rettungsdienste die Gelegenheit, Zusammenarbeit zu praktizieren. Und die dabei gewonnene Routine, so ist sich Arne Krüger sicher, wird den Betroffenen auch bei anderen großen Schadensereignissen zugute kommen.

Ehrenamtlich im Sanitätsdienst des ASB mitwirken können alle, die volljährig sind und einen Erste-Hilfe-Kurs haben. Entsprechende Lehrgänge werden regelmäßig angeboten. Mehr unter asb-sh.de

Martin Geist 04-MAI-2018