Schleswig-Holstein

Corona und die Rettungskräfte

„Die Menschen sind ja auf uns angewiesen“

„Wir sind guter Dinge und alle sind an Bord.“ So formuliert Ronald Lachert das, was gerade in diesen Tagen am wichtigsten ist. Etwa 30 Frauen und Männer arbeiten für die von ihm geleitete Rettungswache des ASB-Regionalverbands Kiel, der gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen den öffentlichen Rettungsdienst unter Regie der städtischen Berufsfeuerwehr bestreitet. Krankmeldungen wegen Corona oder auch wegen der Angst davor gab und gibt es nicht, so dass die Kräfte aus der Hamburger Chaussee in annähernd voller Stärke Präsenz zeigen können.

Mit Mundschutz und mit Menschlichkeit: Ronald Lachert und Saskia Petersen von der Rettungswache des ASB Kiel. Foto: Martin Geist

Obwohl in diesem Berufsfeld ein rustikales Nervenkostüm immer dazugehört, läuft derzeit jedoch wegen der Corona-Epidemie manches anders. Die üblichen kurzen Besprechungen beim Schichtwechsel entfallen, zudem wird der Dienst so organisiert, dass möglichst viele feste Zweier-Teams am Werk sind und sich jeweils etwa die Hälfte der gesamten Truppe im Wochentakt abwechselt. Das soll gewährleisten, dass im Fall einer Infizierung nicht gleich die komplette Rettungswache in Quarantäne muss. Doch zum Glück, so freut sich Lachert, ist dieser Fall bisher noch nicht eingetreten. 

Damit das so bleibt, werden noch andere Vorkehrungen getroffen. Jeder Kontakt mit Hilfsbedürftigen läuft mit Schutzmaske ab. Deuten die Angaben der Leitstelle darauf hin, dass Corona oder anderweitig Ansteckendes im Spiel sein könnte, kommt komplette Schutzausrüstung von Kopf bis Fuß hinzu. „Wir hoffen immer, dass die Leitstelle möglichst genaue Informationen hat“, bekräftigt Rettungssanitäterin Saskia Petersen die Bedeutung dieses Zusammenspiels. Und gibt gleichwohl zu bedenken, dass diese Informationen nicht immer so genau sein können, wie es wünschenswert wäre. An Grenzen stoßen die Hilfskräfte zum Beispiel dann, wenn die betreffende Person bewusstlos ist oder sich aus anderen Gründen nicht mitteilen kann. Mit solchen Gegebenheiten und vielleicht mehr noch mit den anfangs recht unspezifischen Symptomen einer Corona-Infektion hat es nach Einschätzung der seit vier Jahren im Rettungsdienst tätigen jungen Frau zu tun, dass bei manchen Einsätzen „schon ein etwas mulmiges Gefühl“ dabei ist. 

Trotzdem ist es nach Überzeugung der Aktiven vom ASB entscheidend, genau dann zur Stelle zu sein, wenn die Umstände weit weg von ideal sind. „Es geht ja immer um Menschen, die auf uns angewiesen sind“, betont Ronald Lachert, und seine Kollegin bekräftigt es mit ganzem Herzen. Weil aktuell zudem die Versorgung mit Schutzausstattung sichergestellt ist und alle besonders gut aufeinander achten, ist die Stimmung im Rettungsteam trotz allem recht gelassen.

Dazu tragen auch verschiedene entlastende Faktoren bei. Krankentransporte fallen im Moment weniger stark an, weil die Kliniken zahlreiche Operationen verschoben haben, sofern das medizinisch zu verantworten war. Auch der eigentliche Rettungsdienst erlebt vergleichsweise ruhige Zeiten, weil weniger Menschen unterwegs sind und entsprechend weniger Unfälle auf den Straßen oder an den Arbeitsplätzen passieren. 

Die immer wieder zu hörende Befürchtung, dass die starke Einschränkung des öffentlichen Lebens zu mehr häuslicher Gewalt führen könnte, hat sich außerdem bislang zumindest aus Sicht der Einsatzkräfte nicht bestätigt. Nur in einem Fall wurde in den vergangenen Wochen der ASB gerufen, weil ein Mann in seiner Wohnung mit allen Gegenständen herumwarf, die er in die Finger bekam. Solche Dinge geschehen aber nach Erfahrung der Retter immer wieder auch ganz ohne Corona. 

Martin Geist 24-APR-2020